Mercedes W123 Kaufberatung: Warum selbst Profis diesen Klassiker unterschätzen
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Ein gepflegter 280CE, Baujahr 1982, steht auf dem Hof. 180.000 Kilometer, ledernes Interieur in tadellosem Zustand, Lack mit dem typischen Tiefenglanz dieser Ära. Erster Eindruck: begehrenswert. Erste Probefahrt: traumhaft. Genau das ist das Problem. Ein Fachhändler berichtete im Magazin für Klassiker, Technik & Geschichte von genau dieser Situation: Beim zweiten Besichtigungstermin sprang der Motor nicht mehr an. Diagnose nach Demontage — Kraftstoffpumpe ausgefallen, Leitungen brüchig, Tank von innen durch Korrosion angegriffen. Reparaturkosten: 3.500 Euro. Auf einen Schlag. Der Wagen hatte sich beim ersten Termin nicht das Geringste anmerken lassen.
Inhalt dieses Beitrags
- Das Paradox: Zuverlässigkeit als Täuschungsmanöver
- Das Kraftstoffsystem: Die unsichtbare Zeitbombe
- Rost: Wo der W123 wirklich versteckt
- Das Kühlsystem der Benziner: Schleichend, nicht dramatisch
- Rechtliche Haftungsfalle: Was der BGH 2024 entschieden hat
- Das H-Kennzeichen: Steuerparadies mit Tücken
- So bereiten Sie sich auf den W123-Kauf vor
- Varianten im Marktvergleich: Preise und Nachfrage 2026
- Mercedes W123 Besichtigung: Pflichtprüfung
- Kompakte Checkliste für die Probefahrt
Das Paradox: Zuverlässigkeit als Täuschungsmanöver
Der W123 ist tatsächlich robust — das ist keine Legende. Die Grundkonstruktion ist so solide dimensioniert, dass das Fahrzeug selbst dann noch funktioniert, wenn einzelne Systeme längst an ihre Grenzen gestoßen sind. Aus Ingenieurs-Sicht ist das beeindruckend. Aus Käufer-Sicht ist es eine Falle.
Stellen Sie sich vor, ein Gebäude hätte so dicke Wände, dass Sie von innen nicht hören, wenn der Putz außen in großen Brocken fällt. Der W123 funktioniert ähnlich. Der Motor läuft, die Gangwechsel sitzen, das Auto fährt — während im Kraftstoffsystem die Leitungen bereits so spröde sind, dass ein warmer Sommertag sie zum Verhängnis werden kann. Diese Eigenschaft macht ihn zum Meister der Täuschung, auch für erfahrene Fachleute.
Das Kraftstoffsystem: Die unsichtbare Zeitbombe
Bei den Einspritzer-Modellen — also dem 230E, dem 280E und dem 280CE — ist das Kraftstoffpumpenrelais (KPR) eine der am häufigsten unterschätzten Schwachstellen. Das 9-polige Relais mit der Teilenummer 001 545 6705, bei bestimmten Vierzylinder-Einspritzern mit M102-Motor verbaut, kann ohne Vorwarnung den totalen Motorausfall verursachen. Kein Ruckeln vorher, kein Stottern, kein langsames Schwächeln. Einfach — aus. Was die wenigsten wissen: In Foren wie dem W123-Forum.net wird seit Jahren diskutiert, dass das 6-polige Relais als Notlösung eingesetzt werden kann. Dieses Wissen hat in der Community mehr Verbreitung verdient als es bisher hat.
Der Tank selbst verdient separate Aufmerksamkeit. Korrosion an der Innenwand entsteht schleichend durch Feuchtigkeit und Ablagerungen — von außen ist nichts zu sehen, der Tank kann tadellos aussehen und dennoch Partikel in die Kraftstoffanlage abgeben. Brüchige Kraftstoffleitungen sind das dritte Element dieses unangenehmen Trios. Sie verhärten mit dem Alter, bekommen Mikrorisse, und man entdeckt sie meistens erst dann, wenn der Defekt bereits eingetreten ist.
Rost: Wo der W123 wirklich versteckt
Trotzdem sind alle Baujahre anfällig, und wer glaubt, er erkenne den Rostbefall beim Rundgang ums Auto, unterschätzt die Geometrie dieser Karosserie erheblich.
Die C-Säulen sind das bekannteste Sorgenkind, aber sie sind auch das, worauf jeder schaut. Wirklich kritisch sind die Stellen, die man nicht sieht: unter Karosserie-Dichtungen, in den Radhäusern hinter den Kotflügeln, an den Wasserablauf-Regionen. In einem älteren Beitrag im Forum e34.de wurde präzise formuliert, was Werkstätten immer wieder bestätigen: Wasserabläufe und ihre angrenzenden Blechbereiche sind Schwachstelle Nummer eins, und die Wagenheberaufnahmen müssen gründlichst geprüft werden.
Der Schweller ist ein Kapitel für sich. Was wie eine begrenzte Reparatur aussieht — eine rostige Schwellerspitze — entpuppt sich regelmäßig als Beginn einer umfassenden Sanierung. Das liegt daran, dass der Innenschweller beim W123 keine eigenständige Baugruppe ist, sondern die direkte Fortsetzung des Bodenblechs. Wenn Rost dort ansetzt und nicht vollständig beseitigt wird, arbeitet er weiter — und in vier bis sechs Jahren steht dieselbe Werkstatt wieder vor demselben Problem. In einem Motor-Talk-Thread von 2020 wurde das prägnant zusammengefasst: drei Tage Arbeitszeit für eine Schweller-Sanierung, die von außen wie eine kleine Reparatur aussieht, ist keine Seltenheit.
Karosserie-Pflichtprüfung beim W123 — die fünf entscheidenden Bereiche:
- C-Säulen — beidseitig auf Durchrostungen prüfen, auch von innen unter Dichtungen und Dachhimmel
- Wasserabläufe — Frontscheibe, Schiebedach, hintere Türen: verstopfte Abläufe sind Rostquelle Nummer eins
- Radhäuser hinter den Kotflügeln — Innenschalen auf Schmutzansammlungen und Feuchtigkeit untersuchen
- Wagenheberaufnahmen — mit der Hand abklopfen, weiche Stellen sind Sanierungsfälle
- Schweller / Innenschweller / Bodenblech — der Innenschweller ist die direkte Fortsetzung des Bodenblechs; sichtbarer Rost am Schweller bedeutet meist Mehrarbeit am Bodenblech
Eine professionelle Hohlraumkonservierung ist beim W123 fast Pflicht, wenn der Wagen langfristig erhalten werden soll. Entscheidend ist nicht nur das Produkt, sondern die Vorbereitung: Hohlräume müssen trocken, erreichbar und sauber sein. Gute Betriebe arbeiten mit geeigneten Sonden, dokumentieren die behandelten Bereiche und prüfen besonders Schweller, Säulen, Radhäuser, Endspitzen und Wasserabläufe.
Das Kühlsystem der Benziner: Schleichend, nicht dramatisch
Der Benziner-W123 überhitzt selten dramatisch — er leidet lieber still. Ein defekter Thermoschalter führt nicht sofort zum Kochen des Motors; er lässt den Systemdruck schleichend ansteigen, was Kühler und Wasserpumpe über Monate zusätzlich belastet. Die Folge ist eine lokale Überhitzung im Zylinderkopf, die sich erst offenbart, wenn der Schaden längst entstanden ist. In einem Diskussionsbeitrag aus dem W123-Forum wurde das treffend beschrieben: Der Motor läuft, die Temperaturanzeige bleibt im normalen Bereich — und trotzdem passiert intern etwas, das Geld kostet.
Technisch gesehen ist das der gleiche Mechanismus wie bei einem Wasserkreislauf mit einem zu eng eingestellten Überdruckventil: Das System arbeitet unter zu hohem Druck, die Dichtungen ermüden, und irgendwann gibt eine Schwachstelle nach. Der Thermoschalter ist ein günstiges Bauteil — aber nur, wenn man ihn tauscht, bevor er Folgeschäden verursacht.
Rechtliche Haftungsfalle: Was der BGH 2024 entschieden hat
Hier wird es für Verkäufer unangenehm — und für informierte Käufer interessant. Der Bundesgerichtshof hat mit Urteil vom 10. April 2024 (Az. VIII ZR 161/23) eine Frage geklärt, die in der Oldtimer-Szene lange kontrovers diskutiert wurde: Kann ein allgemeiner Haftungsausschluss im Kaufvertrag eine konkrete Zusicherung des Verkäufers aushebeln?
Die Antwort ist nein. Wenn ein Verkäufer sagt — oder schreibt — dass die Klimaanlage einwandfrei funktioniert, dann ist das eine verbindliche Beschaffenheitsvereinbarung nach § 434 BGB. Ein formularmäßiger Satz wie „Verkauf unter Ausschluss jeglicher Gewährleistung“ im Kaufvertrag ändert daran nichts, weil § 444 BGB den Ausschluss der Haftung für zugesicherte Eigenschaften verbietet. Das gilt ausdrücklich auch beim Privatverkauf eines Oldtimers.
Praktisch bedeutet das: Wer als Verkäufer beim Besichtigungsgespräch schwärmt, der Wagen sei unfallfrei, der Motor frisch überholt, die Schweller rostfrei — und das im Kaufvertrag nicht explizit als Beschaffenheitsvereinbarung ausweist — sitzt auf einem juristischen Risiko. Und wer als Käufer diese Zusicherungen mündlich hört, hat ein starkes Argument, wenn er sie schriftlich fixiert. Der Kompressortausch einer als einwandfrei zugesicherten Klimaanlage schlug im Urteilsfall mit 1.750 Euro zu Buche — getragen vom Verkäufer.
Das H-Kennzeichen: Steuerparadies mit Tücken
Die ältesten W123 rollen seit einigen Jahren mit dem „H“ am Kennzeichen — und für alle Baujahre bis Ende der 1980er ist das Thema inzwischen relevant. Nach § 23 StVZO setzt das H-Kennzeichen voraus, dass die Erstzulassung mindestens 30 Jahre zurückliegt und ein amtlich anerkannter Sachverständiger den Originalzustand — oder eine zeitgenössische Restaurierung — sowie den erhaltungswürdigen Zustand bestätigt. TÜV, DEKRA, GTÜ, KUES und FSP führen diese Begutachtungen durch.
Das Clevere daran ist: Umbauten, die innerhalb der ersten zehn Jahre nach Erstzulassung vorgenommen wurden, gelten als zeitgenössisch und sind H-konform. Ein Radio aus den frühen 1980ern im 1978er W123 ist also unproblematisch. Ein moderner Doppel-DIN-Bildschirm dagegen kann zum Hindernis werden. Wer vor dem Kauf nicht klärt, ob alle vorhandenen Umbauten diese Hürde nehmen, riskiert eine Verweigerung des H-Status — mit der Konsequenz deutlich höherer Kfz-Steuer und möglicherweise teurerer Versicherungskonditionen. Das ist kein akademisches Problem, sondern eine reale Kostenfrage, die den Gesamtpreis des Projekts W123 erheblich verschieben kann.
So bereiten Sie sich auf den W123-Kauf vor
Kaufvertrag mit Beschaffenheitsvereinbarungen: Jede Zusicherung des Verkäufers — „rostfrei an den Schwellern“, „Motor überholt“, „unfallfrei“ — gehört wörtlich und explizit als vereinbarte Beschaffenheit in den Kaufvertrag. Nicht als allgemeine Zustandsbeschreibung, sondern als rechtlich wirksame Vereinbarung. Das schützt beide Seiten: den Käufer vor bösen Überraschungen, den Verkäufer vor dem Vorwurf mündlicher Zusagen, die er so nie gemeint hat.
Fachmann-Inspektion mit spezifischem Prüfauftrag: Eine allgemeine Sichtprüfung reicht beim W123 nicht. Der Prüfer braucht explizit den Auftrag, das Kraftstoffsystem zu untersuchen — Tankinnenwand auf Korrosion, Leitungszustand, Kraftstoffpumpenrelais. Beim Benziner gehört das Kühlsystem mit Thermoschalter dazu. Und die Karosserie muss unter Dichtungen und in den Radhäusern kontrolliert werden, nicht nur an den sichtbaren Flächen.
Teileverfügbarkeit realistisch einschätzen: In der Szene ist bekannt, dass Nachbauteile für den W123 häufig Passungsprobleme haben. Originalteile hingegen passen ohne aufwendige Nachbearbeitung — was bei der Kostenkalkulation eine Rolle spielt. Wer ausschließlich auf günstige Reproductions setzt, zahlt am Ende doppelt: einmal für das Teil, einmal für die Anpassungsarbeit.
H-Kennzeichen-Status vorab klären: Vor der Kaufentscheidung sollte klar sein, ob das Fahrzeug gutachtenfähig ist — und zu welchen Konditionen. Nicht jeder Umbau lässt sich rückgängig machen, und nicht jeder nicht-originale Zustand ist automatisch H-schädlich. Ein kurzes Vorgespräch mit einer anerkannten Prüforganisation kann hier Klarheit schaffen, bevor der Kaufvertrag unterzeichnet ist.
Community-Wissen gezielt einsetzen: Im W123-Forum.net und in den W123-Threads bei Motor-Talk ist jahrzehntelanges Erfahrungswissen dokumentiert — inklusive Teilenummern für das KPR, Diskussionen über Notlösungen und Erfahrungsberichte zu konkreten Reparaturen. Das ist keine Garantie, aber eine Vorbereitung, die bei der Inspektion und im Gespräch mit dem Verkäufer einen erheblichen Unterschied macht.
Varianten im Marktvergleich: Preise und Nachfrage 2026
Die Marktlage beim W123 ist 2026 zweigeteilt: Die Limousine in der Basismotorisierung ist mengenmäßig noch verfügbar und im Preis stabil. Coupés (CE), T-Modelle (Kombi) und gut gepflegte Sechszylinder-Limousinen werden dagegen zunehmend rar — und teurer. Diesel-Modelle haben in den letzten Jahren spürbar angezogen, weil sie als alltagstaugliche H-Kennzeichen-Klassiker gefragt sind.
| Variante | Zustand | Marktwert |
|---|---|---|
| 200 / 230 Limousine (Vergaser) | Zustand 3–4 | 4.000–9.000 EUR |
| 200 / 230 Limousine (Vergaser) | Zustand 2 | 9.000–15.000 EUR |
| 230E Limousine (Einspritzer) | Zustand 3 | 8.000–14.000 EUR |
| 230E Limousine (Einspritzer) | Zustand 2 | 14.000–22.000 EUR |
| 280E Limousine | Zustand 2 | 18.000–28.000 EUR |
| 200D / 240D / 300D Limousine | Zustand 3 | 7.000–13.000 EUR |
| 200D / 240D / 300D Limousine | Zustand 2 | 13.000–22.000 EUR |
| 230TE / 280TE T-Modell | Zustand 2 | 14.000–24.000 EUR |
| 230CE Coupé | Zustand 2 | 14.000–22.000 EUR |
| 280CE Coupé | Zustand 2 | 18.000–30.000 EUR |
| 280CE / 300D (Top-Exemplare) | Zustand 1 | 30.000–45.000 EUR |
Marktwerte Stand Mai 2026 — Quelle: Classic Data / Hagerty (Marktanalyse). Keine Gewähr für Tagespreise.
Das 280CE Coupé ist das gefragteste Modell der Baureihe; in Zustand 1 liegt eine zeitgenössische Restaurierung deutlich über dem Niveau einer Diesel-Limousine ähnlicher Güte. Auch das T-Modell hat den Sammlerstatus erreicht — gepflegte Sechszylinder-Kombis aus den späten Baujahren sind selten, und originale Familienfahrzeuge ohne Anhängelast-Geschichte werden mit Aufschlag gehandelt.
Am unteren Ende der Skala stehen die Vergaser-Modelle 200 und 230 viertürig mit Automatik. Die Kombination aus Basismotorisierung und nicht mehr zeitgemäßer Schadstoffeinstufung drückt den Preis. Wer hier kauft, bekommt einen W123 mit voller Substanz — aber den Wiederverkaufswert sollte er realistisch einordnen.
Mercedes W123 Besichtigung: Pflichtprüfung
Bevor diese Liste folgt, eine Einordnung: Der W123 ist robust — anders wären 4,6 Millionen produzierte Einheiten und so viele überlebende Exemplare gar nicht erklärbar. Was die folgenden Punkte zeigen, ist nicht die Schwäche dieser Baureihe, sondern die Realität eines Fahrzeugs, das zwischen 1976 und 1986 gebaut wurde. Nach 40 bis 50 Jahren ist nichts mehr originalverpackt. Die Liste ist ein systematisches Werkzeug für die Besichtigung — kein Schreckenskatalog. Wer einen W123 findet, der die Mehrheit dieser Punkte ohne große Auffälligkeiten besteht, hat ein Auto vor sich, das mit angemessener Wartung weitere zwei Jahrzehnte zuverlässig fahren kann.
| Bereich | Prüfen | Risiko |
|---|---|---|
| Karosserie / Rost | C-Säulen beidseitig auf Durchrostungen prüfen; Schweller von unten und Wagenheberaufnahmen abklopfen; Wasserabläufe an Frontscheibe, Schiebedach und Türen kontrollieren; Radhausschalen hinter den Kotflügeln demontieren und auf Schmutzansammlungen + Feuchtigkeit prüfen | Sichtbarer Rost ist meist nur die Spitze; Sanierung 800–3.000 EUR je Bereich |
| Schweller / Innenschweller / Bodenblech | Schwellerspitzen und Übergang zum Bodenblech auf Lackunebenheiten und Spachtel untersuchen; Innenschweller von innen mit Endoskop oder durch Demontage der Einstiegsleisten kontrollieren — der Innenschweller ist die direkte Fortsetzung des Bodenblechs | Schwellersanierung 1.500–3.000 EUR je Seite; bei unsauberer Reparatur Wiederkehr in 4–6 Jahren |
| Kraftstoffsystem (Einspritzer 230E / 280E / 280CE) | Kraftstoffpumpenrelais (9-polig, Teilenummer 001 545 6705) auf Funktion testen; Tankinnenwand auf Korrosion prüfen lassen (Endoskop oder Tankausbau); Kraftstoffleitungen auf Brüchigkeit und Mikrorisse kontrollieren | Plötzlicher Komplettausfall ohne Vorwarnung; Reparatur typisch 800–3.500 EUR (Pumpe + Leitungen + ggf. Tankreinigung) |
| Kühlsystem (Benziner) | Thermoschalter funktional prüfen; Systemdruck im Stand und unter Last beobachten; Kühler und Wasserpumpe auf Anzeichen erhöhter Belastung kontrollieren — der W123 überhitzt selten dramatisch, sondern leidet still | Schleichende lokale Überhitzung im Zylinderkopf; Folgeschäden an Kopfdichtung, Kopf oder Wasserpumpe 1.500–4.000 EUR |
| Klimaanlage (BGH-relevant) | Funktion vor Probefahrt einschalten und über die gesamte Fahrt beobachten; Kompressor auf Geräusche prüfen; mündliche Zusicherung des Verkäufers schriftlich als Beschaffenheitsvereinbarung im Kaufvertrag fixieren (§ 434 BGB) | Kompressortausch 1.500–2.500 EUR; ohne schriftliche Beschaffenheitsvereinbarung greift der Haftungsausschluss nicht (BGH VIII ZR 161/23, 10.04.2024) |
| H-Kennzeichen-Tauglichkeit | Erstzulassung mindestens 30 Jahre? Originalbrief und Originalpapiere prüfen; alle Umbauten gegen die 10-Jahres-Zeitgenossen-Regel kontrollieren (z. B. moderner Doppel-DIN-Bildschirm = problematisch); Vorgespräch mit TÜV / DEKRA / GTÜ / KUES / FSP empfehlenswert | Verweigerung des H-Status → deutlich höhere Kfz-Steuer + ggf. teurere Versicherung; Rückrüstung kann teuer werden |
| Innenraum / Elektrik | Alle Schalter, Fensterheber, Schiebedach, Heizung, Innenbeleuchtung und Instrumente einzeln testen; Sitzbezüge auf Risse, Armaturenbrett auf Schwund und Risse | Einzelne Elektrik-Reparaturen 200–800 EUR; Sitzpolster-Restauration 600–1.500 EUR pro Sitz |
| Lenkung & Fahrwerk | Lenkrad in Geradeausstellung auf Spiel prüfen — mehr als zwei Finger Spiel deutet auf verschlissene Kugelumlauflenkung hin; auf Probefahrt Traggelenke und Spurstangenköpfe über Bodenwellen mit leichten Lenkbewegungen kontrollieren; Lenkstockhebel auf Risse sichten | Lenkungsspiel wird oft als „normal fürs Alter“ abgetan — Lenkgetriebe-Überholung 600–1.200 EUR, Tausch 1.200–2.000 EUR; Traggelenke 200–400 EUR pro Seite |
| Unterdrucksystem (ZV, Diesel-Motorabstellung, Leuchtweite) | Zentralverriegelung an allen Türen auf vollständiges Verriegeln testen; bei Diesel-Modellen prüfen ob der Motor nach Abziehen des Schlüssels sauber stoppt; Scheinwerferhöhenverstellung über alle Stufen durchschalten; Unterdruckschläuche am Saugrohr auf brüchige Übergänge sichten | Undichtigkeiten sind klassische Sucharbeit — Schlauch-Komplettsatz + Stellelemente 200–600 EUR Material, Werkstattaufwand 200–500 EUR; bei Diesel-Nachlauf droht Folgeschaden an der Einspritzpumpe |
| Armaturenbrett | Armaturenbrett im direkten Sonnenlicht auf Haarrisse und Schwund kontrollieren — besonders rund um Lautsprechergitter, Lüftungsdüsen und Tachorahmen; Originalfarbe identifizieren (typisch Blau bei blauem Polster, sonst Schwarz) | Rissfreie Originalbretter werden 2026 als Top-Sammlerteil gehandelt — Gebrauchtteile in Blau/Schwarz 800–1.500 EUR; professionelle Reparatur 600–1.200 EUR; minderwertige Reparaturen reißen nach 2–3 Jahren erneut |
| Teileverfügbarkeit | Verfügbarkeit von Original- vs. Reproduktionsteilen für die drei wahrscheinlichsten Reparaturen klären: Kraftstoffsystem, Kühlsystem, Karosserie. Originalteile passen ohne Nacharbeit, Reproductions häufig nicht | Reproductions verursachen Mehrarbeit + Zweitkosten — wer nur auf günstige Nachbauteile setzt, zahlt am Ende doppelt |
Kompakte Checkliste für die Probefahrt
Die ausführliche Tabelle oben ist das Pflichtprogramm — diese Liste ist die Kurzfassung zum Mitnehmen oder als Screenshot fürs Smartphone. Zehn Punkte, die jede Besichtigung abdecken muss:
- Werkzeug mitbringen: Wagenheber, Taschenlampe, kleiner Spiegel oder Endoskop für Schweller-Innenseite und Radhausschalen.
- Mindestens 30 Minuten Probefahrt mit gemischtem Profil (Stadt, Landstraße, Autobahn) — der W123 zeigt Schwächen oft erst bei Betriebstemperatur.
- Klimaanlage durchgehend einschalten und Funktion über die gesamte Fahrt beobachten; Zusicherung schriftlich als Beschaffenheit im Kaufvertrag fixieren (BGH VIII ZR 161/23, 10.04.2024).
- Karosserie systematisch: C-Säulen beidseitig, Schwellerunterseite und -innenseite, Bodenblech und Wasserabläufe an Frontscheibe, Schiebedach und Türen.
- Einspritzer (230E / 280E / 280CE): Kraftstoffpumpenrelais (9-polig, Teilenummer 001 545 6705) beim Startvorgang akustisch wahrnehmen; brüchige Kraftstoffleitungen und Tankinnenwand abklären.
- Diesel: Motor muss nach Abziehen des Schlüssels sofort und sauber stoppen — Nachlauf deutet auf Unterdruck-Leckage und droht die Einspritzpumpe zu schädigen.
- Lenkungsspiel testen: mehr als zwei Finger Spiel am Lenkrad in Geradeausstellung ist Warnsignal — Lenkgetriebe-Tausch kostet 1.200–2.000 EUR.
- Zentralverriegelung an allen vier Türen einzeln testen; bei Aussetzern liegt fast immer eine Unterdruck-Leckage vor.
- Armaturenbrett im Sonnenlicht auf Haarrisse rund um Lautsprechergitter und Lüftungsdüsen kontrollieren — rissfreie Originalbretter werden 2026 mit 800–1.500 EUR gehandelt.
- H-Kennzeichen-Vorgespräch mit TÜV, DEKRA, GTÜ, KUES oder FSP führen; Originalbrief und Originalpapiere prüfen, alle Umbauten gegen die 10-Jahres-Zeitgenossen-Regel abklopfen.
Wer diese zehn Punkte sauber abarbeitet, hat den W123 fast komplett verstanden, bevor das Geld den Besitzer wechselt. Ein Fahrzeug, das hier ohne große Mängel besteht, ist sein Geld wert — auch wenn er am unteren Ende der Marktspanne liegt.
Hinweis: Stand 05.05.2026. Kein Ersatz für eine Beratung durch Fachwerkstatt oder Fahrzeughersteller. Verbindliche Auskunft zur Verträglichkeit konkreter Kraftstoffe, Öle und Additive gibt allein der Hersteller. Produktnennungen erfolgen redaktionell, ohne bezahlte Platzierung.



